Aktuelles, Wissenswertes und Interessantes

Mikrobiologie - ein bisschen geschichtliches gefällig?

 
Nutzerbild von Rolf
Mikrobiologie - ein bisschen geschichtliches gefällig?
von Rolf - Dienstag, 23. Juni 2020, 09:49
 

Die Entwicklung des heutigen Wissen über Mikroorganismen (Mikrobiologie, Epidemiologie, Virologie, etc.) ist auch verbunden mit "der Geschichte" der Mikrobiologie. Und Geschichte hat auch immer etwas Beruhigendes. Klar ist ja auch schon passiert, kann man sagen. Aber gerade in diesen Tagen kann man auch Hoffnung aus der Tatsache schöpfen, das es in der Geschichte, durch Entdeckung und Erforschung, dem Menschen immer wieder gelungen ist, Herausforderungen zu meistern - seien sie auch "noch so klein!"


Nachstehend ein Vorabauszug aus einem unserer RSA-Fernlehrgänge:

Aus den unterschiedlichsten und manchmal erstaunlich präzisen Meinungen über Infektionen, die wir seit der Antike kennen, ragt in unserem Kulturkeits die Schaffung einer der bedeutendsten Grundlagen von Louis Pasteur (1822–1895) heraus. Seit Pasteur hatte man Kenntnis von der „Mikrobe“, die ganz oder teilweise für Infektionen verantwortlich war. Man entdeckte, dass die Pathologie der Infektion im Wesentlichen durch die allgemeinen Reaktionen des Organismus auf Keime bestimmt wurde.

Was zu Anfang der Geschichte der Medizin bis zur Entdeckung der Mikroben oft als Magie be­zeich­net wurde, war das allgemeine Unvermögen die Ursa­che zu entdecken. Ja als Strafe Gottes wurde eine Krankheitsursache gesehen, wie z. B die Syphilis, die sechste von Moses dem Volke des Pharaos auferlegte Plage.

Hippokrates begründete im 4. Jahrhundert vor Chr. im Prinzip die experimentelle Beob­ach­tung und Schlussfolgerung und wurde somit für die Pathophysiologie der „Infektionskrankheiten“ ebenso wie für zahlreiche andere medizinische Dis­zip­li­nen der erste umsichtige Beobachter. Auf der anderen Seite unterschied Hippokrates zwischen ungenauen verallgemeinerten Infektionen und lokalisierten Infek­tio­nen und beschrieb ebenfalls den allgemeinen, fortschreitenden Verlauf der Lun­gen­entzündung und des Typhus, wobei er ebenfalls über verschiedene prognostische Elemente sprach.

Obwohl die Anzahl der gegeneinander abgegrenzten Infek­tions­krankheiten noch gering war und die mei­sten mit einem einzelnen signifikanten Haupt­sym­ptom der Krankheit verbunden wurden, wie z. B. „Gallenfieber“, wurden von da an große Fortschritte erzielt, schon allein dadurch, dass diese Erkrankungen als infektiös erkannt wurden.

So unterschied Hippokrates schon die vier aufeinander folgenden Stadien in der allgemeinen Entwicklung von Krankheiten: den Anfang, das Fortschreiten, den Höhepunkt und das Ende.

Später gab Galen eine knappe Beschreibung der lokalen Entzündung, die noch heute verwendet wird: Rubor, Calor, Tumor, Dolor. Die klinischen Beob­ach­tungen an ansteckenden Krankheiten veranlassten ihn zu Beschreibungen, die bis heute nichts an ihrer Richtigkeit verloren haben.

Parallel zu der weiteren geschichtlichen entwicklung, vom Verfall des Weströmischen Reiches (410) bis zum Ende des 14. Jahrhunderts lag die Be­hand­lung von Infektionskrankheiten weniger im Mittelpunkt des Interesses als die Verhinderung der Ansteckungsgefahr. Die Hauptsorge galt den Epidemien. Lepra, Pocken oder Blattern und die Schwarze Pest rafften die erschreckte Bevölkerung hinweg, ohne das es eine ursächliche Therapie gab.

Das Hauptanliegen des Mönchs Fracastoro (1477- 1553) war die Erklärung der Übertragung der Infektions­krank­heiten. Er ging sogar so weit zu behaupten, es gäbe winzig kleine Organismen, die sich fortpflanzen und vervielfältigen können und die ansteckend wirken. Das 1546 in Venedig erschienene Werk „De contagione et contagiosis morbis“ ist eine bemerkenswerte Darstellung der Kennt­nisse seiner Epoche von Infektionskrankheiten, immerhin über 260 Jahre vor Pasteur.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahr­hun­derts war die Geschichte der Infektionskrank­hei­ten von der Persönlichkeit Thomas Syden­hams (1624–1689) ge­prägt. Er war ein außerordentlich weitblickender Arzt und trug in hohem Maße zur Abgren­zung von Fieberausbrüchen bei (Masern, Schar­lach, Wundbrand). Gleichzeitig gab er von mehreren, an Infektionskrankheiten leidenden, Patienten eine hervorragende klinische Beschrei­bung.

Große Epidemien des 18. und 19. Jahrhunderts ließen durch das Schaffen der Wissenschaftler und Kliniker eine immer bessere Beschreibung zu. Doch letztlich entstanden die Lehre und die Er­kennt­nisse der Mikrobiologie durch die fortschreitende Verbesserung der Technologie (Linsentechnik, Färbbarkeit etc.)

Erst bessere Mikroskope ermöglichten es dann den Wissenschaftlern, das unendlich Kleine zu erforschen. Die Fotografie, die neuen Möglichkeiten der Impfung und der Ge­we­be­kulturen und deren Beobachtung verifizierten bzw. wiederlegten die wildesten Phantasien früherer Annahmen und bestätigten die unermüdli­chen Forscher, deren Namen man heute noch in den Namen der Erreger, wie z. B. Ricketts und Prowazek (Rickettsia prowazeckii), Klebs (Kleb­siel­len), Yersin (Yersinien) und viele mehr, wie­derfindet.

Resümierend kann somit zumindest die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts als der Beginn heutiger Mikro­bio­­logie gesehen werden, auf deren Prämissen, An­nahmen und Entdeckungen auch das heutige Wissen aufbaut. Diese Zeit sollte durch die Kenntnis der Mikrobiologie, welche die sich weiter etablierende universitäre Medizin erlangte und die sich daraus er­ge­benden Erleichterungen zum revolutionären Jahr­­hundert für die Pathologie der Infektion werden. Innerhalb einiger Jahre sollten alle Gege­ben­hei­ten einer Disziplin umgewälzt werden und sich explosionsartig entwickeln.

In der ersten Hälf­te des 19. Jahrhunderts, die dem abschließen­den Höhepunkt voranging, haben Klini­ker, einzig durch die Errungenschaft der klinischen Beob­ach­tung, von den meisten eigenständigen Infek­tionskrankheiten fast vollkommene Beschrei­bun­gen abgegeben. Auf diese können und müssen die heutigen Ärzte, unter Berücksichtigung der therapeutischen Möglich­keiten des 20. Jahrhunderts, zur Kenntnis der spontanen Entwicklung dieser Krankheiten immer noch zurückgreifen.

Während im 19. Jahrhundert die medizinische Wissenschaft die durch Bakterien hervorgerufenen Infektionskrankheiten ohne Schwierig­kei­ten anerkannte, konnte man allerdings erst im 20. Jahrhundert wirksame chemische Therapien ausarbeiten. Im gleichen Maße sank die Bedeutung der natürlichen Medizin.

Die Jahre von 1870 bis 1900 waren die der Mikro­bio­logie, aus denen zwei große Leiter einer Schule hervorgingen, der Franzose Louis Pasteur und der Deutsche Robert Koch. Beide nützten bestmöglich die Perfektionierung der Optik, die Färbe­tech­nik (Gram 1884; Ziehl) und die Zu­be­rei­tung von Nährlösungen. Koch wurde vor allem durch die Entdeckung des Tuberkulosebazillus 1882 berühmt. Zudem grenzte er das Vibrio der so genannten asiatischen Cholera anlässlich einer Epidemie, die 1883 in Alexandrien wütete, ab. Pasteur hatte zwischen 1878 und 1880 schon den Staphylococcus, den Streptococcus und den Pneumococcus isoliert.

Jedoch erst mit Aufkommen der antibiotischen Therapie schien ab den 1940er Jahren den meisten bakteriellen Erregern der Schrecken ge­nommen. Aber auch die Evolution der Erreger geht weiter, und viele von ihnen entwickelten und entwickeln Resistenzen oder treten neu auf, wie wir immer wieder erfahren. Dabei ist bei schweren bakteriellen Infektionen heute oft nicht nur Eile geboten in der Therapie mit einem Anti­bio­tikum, sondern es muss auch rasch mikrobiologisch getestet werden, gegen welches Anti­bio­ti­kum der infektiöse Erreger überhaupt noch empfind­lich ist.

Die Kenntnis der Viren als Auslöser ist historisch dagegen deutlich jünger einzuordnen. Das Virus wurde zwar schon im 19. Jahrhundert deutlich mittels der Poren der Keramikfilter und später in Form von Zelleinschlüssen erkannt, wie sie Negri (1903) bei der Tollwut beobachtete, doch in Wahrheit entstand die Virologie erst im 20. Jahr­­hun­dert vor allem dank der Elektronen­mikros­ko­pie.

Durch die Arbeiten von Löffler und Frosch, Nocard und Roux wurden Viren in ihrer Struktur und Art abgegrenzt und gelten heute als Auslöser zahlreicher häufig auftretender Infektionskrank­hei­ten. Es gibt sehr zahllose Viren, die für den Men­schen als pathogen erkannt wurden. Man kennt allein mehr als 100 Virusarten, die für Erkran­kun­gen der Atemwege, von grippalen Infekten angefangen bis zu schwersten Bronchopneumonien, verantwortlich sind.

Auch die meisten so genannten Kinderkrank­hei­­ten sind viralen Ursprungs (Masern, Röteln, Mumps, Windpocken und durch Enteroviren ­hervorgerufene Durchfallerkrankungen). Diese an­­ste­cken­den Erreger können für gefürchtete Krank­heiten verantwortlich sein, ob sie nun entsprechend der Natur ihrer Nukleinsäure zur Gruppe der DNA-Viren gehören, wie das Pockenvirus und die Adenoviren, oder zu jener der RNA-Viren, wie z. B. Herpesvirus und Myxovirus.

Die Grippe ist ein bekanntes Beispiel für eine Gesellschaftskrankheit, die in der Lage ist, die industrielle Aktivität zum Stillstand zu bringen. Angefangen von 876, dem Jahr, aus dem die erste Aufzeichnung einer erkannten Grippeepidemie stammt, bis 1837, liegt eine lange Zeit der Ver­wir­rung in der Geschichte dieser Krankheit, obwohl die Grippe von Osten bis Westen regelmäßig die Kontinente heimgesucht zu haben scheint.

Außer den durch die neue Technologie ermöglichten Entdeckungen auf dem Gebiet der Viren hat es das 20. Jahrhundert erst ermöglicht, neue Infektionen durch Bak­te­rien, Viren und Parasiten voneinander abzugrenzen.


In diesem Sinne Gute Gesundheit

RS