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Fremde Medizinen

 
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Fremde Medizinen
von Rolf - Dienstag, 23. Juni 2020, 09:53
 

Medizinsysteme in Indien (Siddha)

Fast 30% der Deutschen haben sich Umfragen zufolge schon einmal naturheilkundlich behandeln lassen. Ungefähr 70 % würden in Erwägung ziehen auch einmal eine naturheilkundliche Behandlung einer schulmedizinischen vorzuziehen.
Wie arbeitet aber ein Gesundheitssystem, welches nicht für jedermann nahezu gleiche Bedingungen schaffen kann, es keine flächendeckende medizinische Infrastruktur gibt und Notfallmedizin per Hubschrauber, wenn überhaupt aus westlichen Kinofilmen bekannt ist. Wie gestaltet sich das Gesundheitssystem in Ländern, in dem die Bevölkerungszahlen ungleich höher sind als in Mitteleuropa, die Armut weit verbreitet ist und wo natürliche Heilverfahren oft die einzig erreichbare und bezahlbare Hilfe darstellen?
Der indische Subkontinent gibt ca. 1 Milliarde Menschen eine Heimat. In einem Land, indem es hochmoderne Zentren gibt, ebenso wie Landstriche in denen gerade die Entwicklung der Medizin stehen geblieben zu sein scheint.
Oft ist es aber gerade dieses ursprüngliche, von den Wissenden über zighunderten von Generationen weiter getragene Wissen um die Heilmöglichkeit, die dort hilft, wo die moderne allopathische Medizin allein durch die Infrastruktur, aber auch durch das Kastenwesen bzw. die Unbezahlbarkeit an ihre Grenzen stößt.
In einem so großen Land, indem viele interkulturelle aber auch innerkulturelle Kräfte gewirkt haben und noch wirken, ist es nachvollziehbar, dass sich einige Medizinen nebeneinander entwickelt haben.

Medizinsystem in Indien

Das Medizinsystem in Indien kann man in fünf Gebiete einteilen:

  • Allopathische Medizin (Schulmedizin wie in Europa)
  • Homöopathie (durch die Kolonialisierung der Engländer)
  • Ayurveda
  • Unani (Einflüsse aus der früheren arabischen Medizin)
  • Siddha


In Indien sind die komplementär-medizinische Methoden Ayurveda, Homöopathie, Unani und Siddha-Medizin staatlich anerkannt und ein integraler Bestandteil der klinischen Versorgung v. a. in den Ballungszentren.

1. Allopathische Medizin in Indien

In den großen Zentren (z.B. Delhi) kann der zahlungskräftige Patient jede allopathische, schulmedizinische Behandlung auf westlichem Niveau bekommen. Genügend indische Ärzte sind im Westen ausgebildet haben ihre Erfahrungen gesammelt und sind anschließend nach Indien zurückgekehrt um diese Medizin zu praktizieren.

2. Die Klassische Homöopathie

Schon während der Kolonialzeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Klassische Homöopathie durch Johann Martin Honigberger und weitere europäischen Mediziner. Behandlungen erfolgten hier auch im Bereich der Seuchenbekämpfung, wie asiatische Cholera und häufig wiederkehrende Pestwellen. Bald interessierten sich auch einheimische Ärzte und Laienheiler für die Homöopathie, da sich deren medizinische Konzepte mit der indischen Heiltradition und den Methoden der modernen westlichen Medizin verbinden ließen. Seit 1973 ist die Homöopathie staatlich voll anerkannt.

3. Ayurveda

Ayurveda heißt übersetzt etwa "das Wissen vom Leben" und ist ein ganzheitliches Heilsystem, dessen Ursprünge über 5000 Jahre alt sind.
Diese Behandlungsmethode ist integriert eine Kombination aus empirischer Naturlehre und Philosophie, die sich auf jene notwendigen physischen, mentalen, emotionalen und spirituellen Aspekte konzentriert, die wichtig für die Gesundheit sind bzw. Auslöser für eine Krankheit sein können. Dabei wird die Verbindung von Körper, Geist und Seele als untrennbar definiert.
Theorie und Praxis des heutigen Ayurveda sind das Erbe der Jahrtausende langen Tradition in Indien, Sri Lanka und Tibet, d.h. innerhalb eines Weltbildes, in dem Mensch und Kosmos eine untrennbare Einheit bilden, woraus sich auch der ganzheitliche Anspruch der Ayurveda Lehre ableitet.
Die Grundlage des Ayurveda ist die Lehre der drei Körperenergien Wind, Galle und Schleim und der fünf Elemente. Auch hier wird mit Puls-, Zungen- und Urindiagnostik gearbeitet. Allerdings ist die Pulsdiagnostik nicht so verfeinert wie in der tibetischen Medizin. In der Therapie wird ebenfalls großer Wert auf Diät und Pharmakologie gelegt.


4.    Unani (Einflüsse aus der früheren arabischen Medizin)

Mit der Eroberung Indiens durch die Araber im 13. Jahrhundert kam die arabische Medizin nach Indien und erhielt dort den Namen Unani. Die Unani Medizin wurde beeinflusst von China, Indien und anderen Nachbarländern. Die Grundlage ist, wie bei den Griechen, eine vier Säfte Lehre von Dam (Blut), Balgham (Schleim), Safra (gelbe Galle) und Sauda (schwarze Galle).Die o. g. Säfte müssen im Gleichgewicht sein und sind im Krankheitsfall gestört. Wesentlich für die Krankheitsentstehung sind unter anderem Klimafaktoren, Jahreszeiten, Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker), welche die Erkrankungen verursachen oder unterhalten. Die Theorie der Krankheitsentstehung geht weiter davon aus, dass alle Materie auf die vier Grundelemente Feuer (Energie), Wasser (Flüssigkeit), Erde (feste Materie) und Luft (Gase) zurückzuführen ist. Alle Krankheiten sowie Medikamente werden, ähnlich der Chinesischen Krankheitslehre nach dem Prinzip dieser Elementelehre erklärt.Die Diagnose lässt sich vorwiegend aus dem Aspekt (Anamnese, allgemeiner Aspekt, Puls, Augen, Mund mit Zunge) stellen, und somit erübrigen sich andere Untersuchungen. Auch die Ausscheidungen (Urin, Stuhl, Sputum) werden beurteilt.Die Therapie enthält Ernährungsratschläge, die Pharmakotherapie sowie die Chirurgie.

Unani ist der im indischen Subkontinent gebräuchliche Begriff für die graeco-arabische Medizin und ist das arabisch-islamische Pendant zum Ayurveda in Indien. Unani wird außerhalb des indischen Subkontinents oft als klassische arabische Medizin bezeichnet und ist die Weiterentwicklung der arabischen Medizin des Mittelalters in Indien.Die Pharmakologie wurde um zahlreiche indische Medikamente erweitert, es wurden auch neue Massagetechniken und Therapien entwickelt.
Nach der Diagnosestellung erfolgt die Behandlung mit vegetabilen, animalischen und mineralischen Medikamenten. Es gibt über 800 erprobte Medikamente. Dieselben werden auch nach dem Aspekt beurteilt. Eine der Leber ähnliche Pflanzenform wird z.B. für Lebererkrankungen angewandt. Eine gewisse Rolle spielt auch die Organtherapie z.B. mit Testes bei Potenzstörungen oder mit Augen bei Problemen der Sehschärfe.

5. Siddha

Die Siddha Medizin ist ein Heilsystem, das vor allem auf jahrtausende alten Erfahrungen und Beobachtungen der "Siddhars" (übersetzt etwa "Erleuchteten") beruht. Diese mönchsgleich lebenden Einsiedler haben ihr Leben dem "Universum" gewidmet und all ihre Erfahrungen und Erkenntnisse über die Wirkungen von Pflanzen, Kräutern und zusätzlich mineralisch-metallischen Substanzen weitergegeben. Sie ist eine eher im Süden Indiens verbreitete Medizin, die ihre Ursprünge im 7. Jahrhundert n. Chr. hat. Die Ärzte sind gleichzeitig praktizierende hinduistische Yogis.
Obwohl die Siddha-Medizin jahrhunderte alte Wurzeln hat, konnte sie sich als gleichberechtigte Behandlungsmethode ab 1960 durch das staatliche College für Integrative Medizin etablieren, an dem Neben Siddha auch Ayurveda und Unani gelehrt wurden. Dennoch hatte die Siddha Medizin eine Sonderstellung, da es wenig überliefertes Studienmaterial gab.

Es sollte aber fast noch 40 Jahre dauern mit zahlreichen Novelierungen der Ausbildungskriterien und zahlreichen Kämpfen um eine gleichberechtigte Anerkennung, bis als Ergebnis heute an fast allen modernen Krankenhäusern Indiens siddhamedizinische Abteilungen zu finden sind. Die Siddah Medizin eignet sich aber besonders, weitab von jeglicher Zivilisation, da sie zunächst mit einfachen Hilfsmitteln der Diagnostik auskommt – dem Gebrauch der Sinne des Siddha-Arztes.
Grundlage des medizinischen Verständnisses sind die drei energetischen Prinzipien:
vathan = Wind/Luft
Pithan = Hitze bzw. Feuer
und Kaphan = erde und Wasser

Andere Quellen übersetzen z.B. kapha auch mit Schleim.

Wenn diese energetischen Elemente in einem Verhältnis 4 : 2 : 1 stehen bedeutet dies ein gesundes Verhältnis zueinander. Eine Veränderung der Proportionen weist auf eine Krankheit hin. Über die Kunst der Diagnose mittels der Pulsqualität (Tamil nadi) erhält der Siddha-Arzt Aufschluss über die Verschiebung der proportionalen Verhältnisse.

Eine weitere Quelle beschreibt das Diagnose und Therapie auf dem System der drei dynamischen Prinzipien, genannt Doshas basieren welche in jedem Organismus vorkommen. Die drei Doshas: Vata, Pitta und Kapha steuern alle körperlich-geistigen Vorgänge und bestimmen die Konstitution des Menschen. Dabei dominieren meist ein oder zwei Doshas, seltener alle drei.

In einem gesunden Organismus der als "svastha" - "in sich selbst ruhend" bezeichnet wird, sollten sich diese "Energien" oder "Temperamente" in einem harmonischen Gleichgewicht befinden. Ist das Gleichgewicht gestört, bedarf der Mensch einer Behandlung. Daher ist es für den Arzt wichtig zu wissen, welche Doshas bei einem Menschen vorherrschen, weil jeder Typ andere Medikamente und Behandlungen benötigt.

Ebenfalls bilden eine ausführliche Erhebung der Krankheitsgeschichte sowie die Unrindiagnose und andere Körperausscheidungen einen Anteil an der Diagnostik. Darüber nutzt der Siddha-Arzt , ähnlich der chinesischen Medizin, eine eingehende Zungendiagnostik. Frau Dr. Rani, Siddha-Ärztin z.B. ist im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu tätig. Tamil Nadu liegt zwischen dem Arabischen Meer und dem Golf von Bengalen und hat beeindruckenden Tempelanlagen, kulturhistorischen Stätten und Pilgerorte. Das ist die eine Seite der touristischen Beschreibung, die andere Zeigt sich in der Arbeit Dr. Ranis und ihrer Helferinnen, welche zusammen mit zwei Kollegen und 30 Gesundheitshelferinnen Kastenlose Menschen, welche zu den Unberührbaren zählen und die ärmsten der Armen sind, in Dörfern der näheren und entfernten Umgebung betreuen.

Tamil Nadu ist der südlichste Bundesstaat Indiens mit einer Fläche von 130.266 km² und über 65 Mio. Einwohnern. Die Hauptstadt Tamil Nadus ist Chennai. Tamil Nadu entstand 1956 entlang der Sprachgrenze des Tamil, das aufgrund seiner mindestens 2000 Jahre zurückreichenden Literaturgeschichte als eine der klassischen Sprachen Indiens gilt. Erst am 14. Januar 1969 erhielt der Staat seinen heutigen Namen, der wörtlich entweder als „tamilisches Land“ oder als „Land der tamilischen Sprache“ interpretiert werden kann.Bei akuten Notfällen suchen die Patienten ein Siddha- Gesundheitszentrum auf, oder ein Arzt fährt per Motorrad-Rikscha zum Krankenbesuch. Für fast 50.000 Menschen in über 40 dieser Dörfer ist es der einzige Zugang zu Gesundheitsversorgung. Häufige Diagnosen in diesen Sprechstunden sind Infekte, Arthritis, Diabetes, Krätze und Ausfluss, aber bei Schwangerschaften, Lähmungen und Lepra wird beraten bzw. behandelt.

Gerade weil das Wissen der Siddha- Medizin eng mit den lokal und regional verfügbaren Pflanzen und Heilkräutern verbunden ist, können diese kostengünstig vor Ort hergestellt werden. In Schulungen erlernen die einfachen Menschen, wie man auch auf einem kleinen Stück Land Heilkräuter und – pflanzen anbaut, die bei gängigen Krankheiten genutzt werden können.

Grundlagen der Siddha Medizin

Prof. Clement als ausgebildeter Siddha Mediziner, im besonderen Spannungsfeld ebenfalls als katholischer Priester tätig, postuliert bezüglich des philosophischen Überbaus der der Siddha-Medizin:

Die fünf Naturelemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) bilden die Ursubstanz aller Materie. Stirbt der Körper eines Lebewesens, löst sich dieser wieder in seine Bestandteile auf.

Den verschiedenen Elementen können verschiedene Säfte im Körper zugeordnet werden. Dabei können die Elemente nicht einzeln auftreten, sondern immer in einer Mischung mit den anderen.

Element
Zuordnung
Erde: Knochen, Fleisch, Nerven, Haut und Haare
Wasser: Galle, Blut, Samen, Schweiß, alle sekretorischen Vorgänge
Feuer: Hunger, Durst
Luft: Astrigenz, Ausdehnung, Bewegung
Äther: „Zwischenräume“ des Magens, des Herzens, des Nackens und des Kopfes

Grundlegend für diese Vorstellung ist die direkte Verbindung zwischen Mensch und Natur und bildet in der Konsequenz die Grundlage für eine naturnahe Medizin, da der menschliche Körper auch die Naturelemente repräsentiert. Krankheiten werden nach dem Verständnis der Siddha-Medizin durch die Umwelt hervorgerufen aber auch durch den Patienten selbst hervorgerufen, wenn eine gravierende Veränderung der Beschaffenheit der Umgebung stattfindet oder sich der Mensch krankmachenden Einflüssen in seiner Umgebung aussetzt.

Hier zeigt sich einmal mehr der gegenseitige Einfluss von Kultur und religiöser Entwicklung. Der indische Raum ist durch das Nebeneinander zahlreicher Sekten und das Hervortreten von Heiligen und Mystikern gekennzeichnet, die in den Mittelpunkt ihrer Lehrer das Leitprinzip von Liebe und Demut stellen.

In Indien leben laut verschiedenen Quellen etwa 82% Hindus. Der Hinduismus ist die Bezeichnung für den Religionskomplex, der durch die indische Kastenordnung gegeben ist. Der Begriff Hinduismus umfasst deshalb sehr unterschiedliche Formen religiösen Lebens und Glaubens. Der größte Teil ist der aus indisch-vedischer Vorzeit fortbestehende naive, polytheistische Volksglaube der Masse.

Im Vergleich zu anderen Regionen Indiens ist Tamil Nadu verhältnismäßig wohlhabend. Dennoch bestehen auch in Tamil Nadu weiterhin gravierende soziale Probleme und Ungleichheiten. So sind die außerhalb des Kastensystems stehenden Menschen die in Tamil Nadu einen überproportional hohen Bevölkerungsanteil von etwa einem Fünftel haben, nach wie vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und wirtschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt. Viele von ihnen müssen sich ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner in der Landwirtschaft verdienen.

Das Kastenwesen ist auch heute noch eine sehr differenzierte Gesellschaftsordnung. Die Zuordnung zu einer Kaste sagt nichts über „wohlhabend“ oder „arm“ aus. Es handelt sich weitgehend um eine Einteilung nach ritueller Reinheit und Aufgabenbereich, nicht jedoch um „Oberschicht“ oder „Unterschicht“, die sich nach finanziellen Kriterien richtet.

Durch jahrhundertelange Ausbeutung findet sich Armut jedoch tendenziell mehr bei der unteren Kaste den Shudras und Unberührbaren, welche unter dem Kastensystem stehen. Gerade die Menschen der untersten Kaste sind auf die Hilfe einer preiswerten, naturnahen Medizin angewiesen.

Hier greift die Hilfsorganisation MUHIL von Prof. Clement und Dr. Rani, die neben der medizinischen Versorgung mit dem Schwerpunkt Siddha Medizin auch soziale Projekte unterstützen und begleiten.


Philosophisch ethische Grundlagen der Siddha Medizin

Die Siddhamedizin umfasst nicht nur das körperliche, seelische Wohlbefinden des Patienten sondern auch das spirituelle. Die spirituelle Ebene bildet die Grundlage einer ganzheitlichen Behandlung durch den Siddha-Arzt. In den Traditionen war der Begriff des Menschlichen immer von zentraler Bedeutung. Dies machte Professor Clement in seinem Seminar deutlich, der in seiner Promotion alte tamilische Liedtexte erforschte und dieser Umstand wird auch in der Dissertation von Cordula Dietrich betont.In Clements Forschungen über die Liedtexte eines der bedeutenden Siddhas (Weisen, Wissenden) Sivavakkiar fand Clement heraus, das die eigene Theorie über den Begriff den Menschlichen den Siddha-Arzt in seinem Zugang zum Patienten prägt.
Die Liedtexte fordern in eingängigen Versen und Rhythmen für den/die Menschen Gleichheit und Gerechtigkeit unter den drei Hauptaspekten des menschlichen Lebens an sich, des sozialen und des göttlichen Lebens.

Somit formulieren die Liedtexte quasi den Berufsethos des Siddha-Arztes, denn es werden Forderungen an den Siddha-Arzt formuliert, durch eigene Erziehung zur Überwindung von starren Denk- und Verhaltensmustern beizutragen, Eitelkeiten und Verblendungen aufzugeben und durch Verzicht und Entsagung eine Haltung von Demut und Beschiedenheit zu entwickeln – um dadurch letztlich die jedem innewohnende göttliche Kraft zu erleben.

Dies ist auf geistiger Ebene durch regelmäßige Meditation zu erlangen, die außerhalb des formalreligiösen steht. Nicht der Besuch von Tempeln ist wichtig sondern durch innere Arbeit soll der Siddha (Arzt) zu der Erkenntnis kommen, das der Mensch und das Menschliche heilig sind.Damit stellen die Texte hohe Ansprüche in ethischer und moralischer Form an den Behandler in dem das individuelle Leben als heilig betrachtet wird. Individuum heißt übersetzt unteilbar - und die prägt das Menschenbild eines jeden Patienten, der mit seinen individuellen Leiden und Problemen zu seinem Behandler kommt – und dies kann nicht anders behandelt werden als ganzheitlich - da der Patient nicht auf seine Krankheit sein Leiden ja auf seine Diagnose dekliniert werden kann, sondern als Ganzheit betrachtet werden muss.

Zusammenfassung und kritische Reflektion

Die Siddha-Medizin ist meines Erachtens eine gelebte ganzheitliche Naturheilkunde, welche unter Ausnutzung örtlicher phytotherapeutischer Angebote, in Kombination mit uralten Wissen, auch Ideen gebend für integrative, komplementäre Behandlungsprogramme in Deutschland sein kann.

Dennoch kann eine Ethnomedizin nicht aus ihrem Kulturkreis exportiert werden, um unreflektiert in einen anderen übernommen, als allein „Heil bringend“ übernommen zu werden.
Kritiken an Ethnomedizinen, wie sie an der Traditionellen Chinesischen Medizin bekannt sind, haben da ihre Berechtigung, wo sie nicht richtig, nicht ganz, bzw. nur Teile i. S. v. Teilbehandlungen importiert werden und sie dann helfen sollen, weil sie als exotische Verfahren mehr Zuspruch erfahren, als die kulturell etablierte Medizin.

Entwicklungen in Deutschland, wie die Einbeziehung der Kulturwissenschaften in die Forschung fremdländischer Medizinen ist ein hoffnungsvoller Weg, über das Wissen um die Kulturen mehr in die jeweiligen Medizinen schauen zu können.

Wo medizinisch-wissenschaftliche Systeme – zumindest in der nächsten Zeit noch - nur Ergebnisse doppelblind randomisierte Studien zur Nachweisbarkeit von Heilverfahren zulassen, kann die Kulturwissenschaft mit anderen Forschungsansätzen eine wertvolle Übersetzung leisten.

Doch selbst, wenn die wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede sehr groß sind, wie im Falle der südindischen Siddha-Medizin, und in keiner Weise vergleichbar mit Deutschland bzw. Europa, so kann jedoch die Tatsache, dass Siddha- Medizin auch mit dem Einsatz sehr geringer Mittel effektiv betrieben werden kann, als Anreiz dazu dienen, jenseits von Pharmafirmendoktrinen zu versuchen, wieder eine (traditionelle abendländische) Volksmedizin zu generieren und die Menschen durch weitere Gesundheitsprogramme - unter Einbeziehung moderner medizinischer Erkenntnisse – ganzheitlich zu schulen und zu behandeln.

Vielleicht sind wir in unserem Kulturkreis aber auch einfach noch nicht arm genug, um die Durchsetzung einer konsequenten ganzheitlichen kostengünstigen Behandlung nötig zu haben.



Auf Quellenangaben wurde bewußt im Rahmen dieses Forumbeitrags verzichtet, sie liegen beim Verfasser.